Contergan-Opfer klagen in Australien gegen Grünenthal
30. Oktober 2010
Contergan-Opfer klagen in Australien gegen Grünenthal
MELBOURNE (eb/dpa). Contergan-Opfer haben in Australien eine Klage gegen den deutschen Hersteller Grünenthal eingereicht. Die fünf Kläger, deren Mütter zwischen 1955 und 1964 das Schlafmittel eingenommen hatten, seien danach mit Missbildungen auf die Welt gekommen, berichten australische Medien am Freitag.

Das Sedativum Contergan: in Australien klagen fünf Geschädigte gegen den Hersteller.
© dpa
Der Wirkstoff Thalidomid sei nicht ausreichend getestet worden und hätte nicht als völlig unbedenklich verkauft werden dürfen, heißt es in der Klage. Schon fünf Jahre bevor Grünenthal 1961 das Schlafmittel vom Markt genommen habe, sei der Wirkstoff Thalidomid in Verbindung gebracht worden mit Missbildungen bei Neugeborenen.
Grünenthal bestätigte die Klage. Dem Unternehmen sei zur Kenntnis gebracht worden, dass in Melbourne “eine Klage in Bezug auf den Wirkstoff Thalidomid eingereicht worden ist”, teilte der Konzern mit. Die Klage liege ihm noch nicht vor, werde aber sicher noch zugestellt. Bis dahin werde sich das Unternehmen nicht dazu äußern.
Den australischen Medienberichten zufolge reichten fünf Opfer die Klage ein. Sie sind zwischen 1955 und 1964 zur Welt gekommen. Sie beschuldigen Grünenthal auch, Contergan nicht sofort vom Markt genommen zu haben, als das Gefahrenpotenzial deutlich geworden sei.
Grünenthal hatte das Schlafmittel als “ungiftig” und ohne Nebenwirkungen beworben. Es könne selbst Säuglingen und Kleinkindern bedenkenlos verabreicht werden. Erste Meldungen über Nebenwirkungen soll es zwei Jahre nach der Markteinführung gegeben haben.
Dem Unternehmen hätten schon zu diesem Zeitpunkt mehrere Meldungen über Nervenerkrankungen Erwachsener an Armen und Beinen von vorgelegen, heißt es in einer wissenschaftlichen Untersuchung der Pharmazeutin Beate Kirk.
Contergan hatte Ende der 1950er Jahre einen der größten Arzneimittelskandale ausgelöst. Weltweit kamen 10 000 Kinder mit schweren körperlichen Missbildungen zur Welt, davon rund 5000 in Deutschland.
Deutsche Conterganopfer können nicht gegen Grünenthal klagen. Mit Gründung der Contergan-Stiftung “Hilfswerk für behinderte Kinder” 1971 wurde ein Gesetz verabschiedet, mit dem automatisch alle etwaige bestehende Ansprüche von Opfern gegen die Firma Grünenthal, deren Gesellschafter, Geschäftsführer und Angestellte erloschen.
Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 05.05.2011
27. Oktober 2010

Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung
am 05.05.2011
“Teilhabe jetzt!” in Heidelberg

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Conterganopfer zum Betteln gezwungen….
25. Oktober 2010
Ein Leben mit Contergan

Bochum. Edgar (49) hat schon sein Leben lang mit einer Behinderung zu kämpfen. Seine Arme sind dank Contergan verkrüppelt. Jetzt wirbt er mit einem Schild in der Fußgängerzone um Unterstützung:
„Ich bitte um eine Spende – Danke!“
Mit viel Geschick fischt Edgar das Feuerzeug aus der Tasche. Er dreht es zwischen seinen verkrüppelten Fingern, knipst zweimal. Dann brennt die Zigarette in seinen Mundwinkeln. „Ein Sturmfeuerzeug“, sagt der 49-Jährige.
Er braucht’s. Steht er doch bei Wind und Wetter in der Fußgängerzone. Was er will, weiß jeder sofort: „Ich bitte um eine Spende“, steht auf dem Schild, das Edgar um den Hals trägt. Und: „Danke!“
Das Schicksal des gebürtigen Kasslers ist auf den ersten Blick zu erkennen. Seine Hände und Arme sind verkümmert. „Contergan“, sagt er. Die Mutter nahm vor 50 Jahren in der Schwangerschaft das Schlafmittel. Der Säugling kam behindert zurWelt. Die Behinderung bringt ihm jetzt eine monatliche Rente von 1000 Euro ein. Dafür muss das Pharma-Unternehmen Grünenthal aufkommen.
Edgar zuckt mit den Schultern. Das Geld helfe ihm kaum, über die lebenslange Behinderung hinweg. Er erinnert sich: „Ich wurde von Kindheit an gepiesackt.“ Man glaubt ihm gerne, wenn er sagt, dass er eigentlich von Anfang an kaum eine berufliche Perspektive hatte, keine Chance zum Aufstieg. Nach der Schulzeit auf dem Behinderteninternat habe er eine Lehre als Maschinenbauer gemacht. „Direkt danach war ich dann arbeitslos.“
Von den 1000 Euro finanziere er sich eine kleine Wohnung. Das Geld reiche für Miete, Nebenkosten und ein paar Lebensmittel. Mehr sei nicht drin, seit er keine Unterstützung von der Arge mehr bekomme. „Die wollten mich arbeiten schicken“, sagt er. Die Job-Agentur habe ihm einen Posten als Nachwächter in Frankfurt angeboten. „Wie soll ich denn dort hinkommen?“
Das Schild helfe ihm beim Betteln weiter. Edgar zögert: „Es bringt etwas mehr.“ Es sei aber nicht viel, was so im Laufe eines Tages zusammenkomme. „7,40 Euro waren es gestern.“ Mehr sei nicht drin.
Seit zwei Jahren stehe er jetzt hier auf der Straße. Edgar wandert auf und ab. Mal steht er vor der Drehscheibe, mal vor dem Schuhgeschäft an der Kortumstraße. Eine Frau greift Edgar von hinten über die Schulter und steckt etwas in die Büchse. Nicht alle Menschen seien so freundlich, sagt er. „Ich bin schon oft beschimpft worden.“
Wenn der Arbeitstag auf der Straße vorbei ist, dann gehe er nach Hause. Er versorge sich selbst. „Alles“, sagt er. Viel Freizeitprogramm habe er nicht. „Radio hören, was essen und danach Geschirr spülen. Ab und zu mache er etwas mit Freunden. „Ich bin nur froh, dass ich ein Dach über dem Kopf habe.“
Die Hoffnung auf einen Job sei noch nicht dahin. Er kommt auf den Nachtwächterberuf zurück. Das sei aber für ihn hier in der Region wohl aussichtslos. „Die nehmen heute alle Rentner. Die sind billiger.“
Auch mit Grünenthal hat Edgar noch nicht seinen Frieden gemacht. „Die könnten mehr zahlen, dann bräuchten wir nicht hier ‘rumzulaufen.“
Quelle: http://www.derwesten.de/staedte/bochum/Ein-Leben-mit-Contergan-id3533261.html
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