Conterganopfer nicht mehr mit einer Stimme
15. Oktober 2009
Aachen/Köln. Es war wie ein ungeschriebenes Gesetz: Wer mit den Conterganopfern sprechen oder verhandeln wollte, ging zum Bundesverband Contergangeschädigter. Über Jahrzehnte war der Verband so etwas wie eine offizielle Instanz, die erste Adresse.
Für Politik, Bundesregierung und den früheren Conterganhersteller Grünenthal in Aachen gilt das noch heute, in der Conterganszene aber nicht mehr unbedingt. In den letzten zwei Jahren ist ein neuer Flügel mit drei größeren Gruppen entstanden. Diese greifen nicht nur Grünenthal, sondern auch den Bundesverband an. Es geht ein rauer Wind.
Einer der Wortführer ist Andreas Meyer. Der Mann ohne Arme und Beine ist ruhig im Ton und unerbittlich im Angriff auf die Unternehmerfamilie Wirtz, den Grünenthal-Eigentümern. Meyer hat keine Angst vor den Mächtigen und sucht die Konfrontation, mit dem Erzfeind Grünenthal wie auch mit dem Bundesverband. «Das Bollwerk und der Schutz für Grünenthal war in all den Jahren der Bundesverband», kritisiert Meyer. Ein harter Vorwurf.
Aus einer tiefen Unzufriedenheit gründete Meyer vor zwei Jahren den Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer (BCG). In dieser Zeit war Contergan plötzlich in der Öffentlichkeit wieder ein Thema: 50. Jahrestag der Markteinführung, dann der WDR-Zweiteiler «Eine einzige Tablette». Aufbruchstimmung: «Wir sagten, jetzt machen wir den Mund auf, selbst die, die sich vorher nicht getraut hatten», schildert Meyer. In dieser Zeit wurde den Betroffenen auch schlagartig bewusst, wie es um sie im Alter bestellt sein würde: Schmerzen, Armut, Hilflosigkeit.
Kurz nach dem BCG gründete sich der deutsche Zweig der ICTA (Internationale Contergan-Talidomid Allianz). Diese «Bürgerbewegung» ist Teil eines internationalen Netzwerks und fordert unter anderem eine Million Euro für jedes deutsche Opfer. Die ICTA nimmt für sich in Anspruch, einen Großteil der 2800 Betroffenen hinter sich zu haben.
Damit nicht genug. Christian Stürmer gründete zusätzlich das «Contergannetzwerk», einen Verein mit mittlerweile 250 Mitgliedern. Auch er kämpft für eine Entschädigung. «Der Bundesverband hat veraltete und verkrustete Strukturen», sagt er. Die anderen Gruppen waren für ihn keine Alternative. Deshalb das «Contergannetzwerk». Nach seinem Jurastudium reichte er in Karlsruhe eine Klage gegen den Staat ein: Der komme seiner Pflicht zur Versorgung der Opfer nur unzureichend nach.
Auch Margit Hudelmaier will mehr Geld. Sie ist seit 17 Jahren die Vorsitzende des viel kritisierten Bundesverbands Contergangeschädigter. Ihr fehlen die Arme. Bei vielen Dingen des Alltags braucht sie Unterstützung, und das kostet Geld. Selbst zwischen diplomatisch gewählten Worten wird deutlich: Auch für diese Frau ist der Kampf eine Geduldsprobe. «Den Schaden will ich ausgeglichen haben», betont auch sie.
Aber für sie zählen die rechtlichen Gegebenheiten. Dazu gehört, dass mit Gründung der Conterganstiftung die Betroffenen keine weiteren Ansprüche gegen Grünenthal geltend machen können. Es sind sachliche Feststellungen wie diese, die sie zur Zielperson der Gegenseite machen. Hudelmaier beklagt im Gespräch Diffamierungen gegen sich und Drohungen gegen ihre Familie. Trotzdem kritisiert sie die anderen in der Öffentlichkeit nicht: «Man könnte meinen, das Schicksal müsste uns verbinden…»
Quelle: AZ-ONLINE
Stolberg: Contergan-Denkmal nur mit Auflagen
8. Oktober 2009
Stolberg. Die Stadt Stolberg hat dem Denkmal für Conterganopfer nur mit Auflagen zugestimmt.
Sie will das Denkmal nur dann zulassen, wenn die Gestaltung mit dem ortsansässigen früheren Contergan-Hersteller Grünenthal und der Conterganstiftung abgestimmt wird. Das erklärte Bürgermeister Ferdi Gatzweiler (SPD) am Donnerstag.
Ein Contergangeschädigter aus Morbach im Hunsrück hatte einen entsprechenden Antrag gestellt. Ein Ausschuss entschied darüber. Der Antragsteller Johannes Igel sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa, er werde sich mit Grünenthal nicht an einen Tisch setzen.
«Wir wollen, dass dieser Teil der Geschichte nicht unter den Teppich gekehrt wird», sagte Bürgermeister Gatzweiler. Aber alle Beteiligten sollten bei Gestaltung und Text einig werden. In der Stadt könne man sich vorstellen, das Denkmal im Industriemuseum Zinkhütter Hof aufzustellen.
Johannes Igel will mit dem Denkmal vor allem an die Kinder erinnern, die durch Contergan im Mutterleib oder nach der Geburt gestorben sind. Nach seinem Wissen gebe es bisher noch kein Denkmal für die Conterganopfer. 52 Jahre nach der Markteinführung sei es Zeit.
«Mit der Conterganstiftung zu sprechen, habe ich keine Probleme. Aber mit Grünenthal will ich nichts zu tun haben», betonte Igel. Er hält das Verhalten des Unternehmens in dem Arzneimittel-Skandal für verwerflich. Wie viele andere Conterganopfer auch vermisst er eine Entschuldigung der Unternehmerfamilie Wirtz und eine deutlich höhere finanzielle Unterstützung der Opfer als die zuletzt freiwillig gezahlten 50 Millionen Euro.
Auslöser für die Überlegung zum Denkmal sei der WDR-Zweiteiler «Eine einzige Tablette» vor zwei Jahren gewesen, sagt Igel. Er gehört keinem Opferverband an. Er möchte das Projekt mit acht weiteren Conterganopfern aus ganz Deutschland umsetzen und mit Sponsorengeldern finanzieren.
Quelle: AZ-ONLINE
Der Skandal ist noch nicht zu Ende
6. Oktober 2009

Der Skandal ist noch nicht zu Ende
OSTFILDERN: Contergan-Geschädigte rufen erneut das Bundesverfassungsgericht an – Tagung in Scharnhausen
Der Ruiter Jurist Christian Stürmer ist Vorsitzender des Contergan-Netzwerkes.Foto: Dietrich
Zur Jahreswende gegründet, zählt das bundesweite Contergan-Netzwerk bereits 250 Mitglieder. Etwa 20 davon kamen am Samstag nach Scharnhausen, um dort eine zweite Verfassungsbeschwerde vorzubereiten. Sie hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht ihnen endlich zur lebensnotwendigen Unterstützung verhilft.
Von Peter Dietrich
Etwa 2650 Contergan-Geschädigte haben in Deutschland bis heute überlebt. Mit steigendem Alter leiden sie unter immer mehr Folgeschäden. Aufwändige Pflege, orthopädische Hilfsmittel, eine behindertengerechte Wohnung oder ein behindertengerechtes Auto kosten viel Geld. Doch noch immer werden in Deutschland die weltweit niedrigsten Entschädigungen bezahlt. „Wir wollen verhindern, dass unsere Kinder mit ihrem Einkommen für uns einstehen müssen“, erklären die Mitglieder des Netzwerks. Es geht ihnen nicht um Luxus. Sie wollen eine Hilfskraft anständig bezahlen können oder wünschen sich einen praktikablen Ersatz für die fast 30 Jahre alte Küche. Oder sie wären froh, wenn die Spezialschuhe, die sie monatlich auf eigene Kosten teuer reparieren, nicht zwei Jahre lang halten müssten.Andere Menschen in vergleichbarer Lage, wie Unfallopfer, heutige Arzneimittelgeschädigte oder HIV-Infizierte, erhalten sehr viel höhere Zahlungen. Zivilrechtlich und gegenüber dem Bundesversorgungsgesetz sind die Contergan-Geschädigten erheblich im Nachteil. Der Staat hat alle Ansprüche der Opfer gegen die Herstellerfirma Grünenthal ausgeschlossen, muss deshalb nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts selbst die Versorgung der Conterganopfer sicherstellen. „Was er allerdings nur völlig unzureichend erfüllt“, sagt der Jurist Christian Stürmer, in Ruit lebender Vorsitzender des Contergan-Netzwerks.
Die Renten lägen bei 252 bis 1116 Euro im Monat. Mit den weiteren 50 Millionen Euro, die Grünenthal nach dem öffentlichen Druck nach dem Fernsehfilm „Eine einzige Tablette“ in die Stiftung eingezahlt habe, stünden zwar nun 100 Millionen für Sonderzahlungen zur Verfügung. Doch würden sie auf 25 Jahre verteilt, ein absolut Schwerkranker ohne Arme und Beine erhalte daher pro Monat nur 300 Euro.
Bis zum Europäischen Gerichtshof
Die Verfassungsbeschwerde, die elf Betroffene Ende Juni in Karlsruhe einreichten, hat die wissenschaftliche Vorprüfung bestanden und liegt nun beim Berichterstatter der zuständigen Kammer. Jetzt legt das Contergan-Netzwerk eine zweite Verfassungsbeschwerde nach. Die 15 Beschwerdeführer argumentieren mit der seit März in Deutschland gültigen UN-Behindertenrechtskonvention, sehen einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot. Das Netzwerk beantragt, beide Verfahren miteinander zu verbinden. „Wir sind entschlossen, unsere rechtlichen Mittel auszukosten“, betont Stürmer, „und wenn wir zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen müssen.“
Das Vermögen der Eigentümerfamilie Wirtz, bemerkt ein Geschädigter, werde aktuell auf 3,3 Milliarden Euro geschätzt. Und ein anderer bedauert: „In einem Schwellenland wie Brasilien ginge es uns besser.“
Quelle: EZ-ONLINE “Mit freundlicher Genehmigung des Autors” Peter Dietrich
Conterganopfer treffen sich zur Mahnwache vor Grünenthal
2. Oktober 2009
Contergan-Forte
Köln/Stolberg. Im Streit um Entschädigungen haben Conterganopfer für Freitagnacht eine Mahnwache vor den Werkstoren des damaligen Conterganherstellers Grünenthal und zwei weiteren Werken der Unternehmerfamilie angekündigt.
Sie fordern acht Milliarden Euro Entschädigung für die 2800 in Deutschland lebenden Opfer. Die Teilnehmer der Mahnwache wollen auch an die Markteinführung des Schlafmittels Contergan vor 52 Jahren erinnern. Der Bund Contergangeschädigter (BCG) und Grünenthalopfer kündigte für die Zeit danach jährliche Mahnwachen an.
Die Opfer bezeichnen die bisherige Entschädigung als Unrecht. «Wir zählen ab heute jedes Jahr, wo dieses Unrecht besteht», sagte der BCG-Vorsitzende Andreas Meyer. Bisher hatte es drei Mahnwachen jeweils an runden Jahrestagen gegeben.
Zum ersten Mal richtet sich die Aktion gegen die gesamte Unternehmensgruppe der Familie Wirtz. Der Familie gehört neben Grünenthal die Dalli-Gruppe, die Waschmittel und Kosmetika herstellt. Drei Stolberger Werke der Familie liegen unmittelbar nebeneinander. Bei Grünenthal und der Dalli-Gruppe gibt es identische Gesellschafter.
Mit der Mahnwache setzen die Conterganopfer ihren erweiterten Feldzug gegen die gesamte Familiengruppe fort. Vor zwei Jahren hatten offensiv agierende Opferverbände einen Boykottaufruf gegen Produkte der Gruppe gestartet. Diesen Aufruf wollen die Contergangeschädigten am Abend mit einer Kranzniederlegung bekräftigen. «Das ist eine symbolische Geste: Wir tragen die Produkte der Familie Wirtz zu Grabe», sagte Meyer.
Das Unternehmen teilte mit, Grünenthal stelle sich seiner Vergangenheit. Das Schicksal der Betroffenen sei nicht vergessen. Das Unternehmen habe das Rote Kreuz gebeten, die Teilnehmer während der Mahnwache unter anderem mit Essen, Getränken und Decken zu versorgen.
Das Schlafmittel Contergan der Firma Grünenthal hatte einen der größten Arzneimittelskandale in der deutschen Geschichte ausgelöst. Weltweit kamen rund 10.000 Kinder mit schweren körperlichen Missbildungen zur Welt, davon 5000 in Deutschland. Nach einem Vergleich mit den Opfern zahlte das Unternehmen 110 Millionen D-Mark in die Contergan-Stiftung und in diesem Jahr freiwillig weitere 50 Millionen Euro ein.
MAHNWACHE in Stolberg zum 52 Jahrestag der Markteinführung des Medikamentes Contergan am 01.10.1957
1. Oktober 2009
MAHNWACHE in Stolberg zum 52. Jahrestag der Markteinführung des Medikamentes
Einladung zur Pressekonferenz am 02.Oktober 2009 um 19:00 Uhr
Vor den Toren, entlang der Mauer bis zum Eingang der Dalli Werke und der Fa. Mäurer & Wirtz, Finkensiefstraße/ Ecke Zweifaller Strasse, demonstrieren wir!!!
Es lädt ein, Der Interessenverband Contergangeschädigter, ihre Angehörigen und Freunde Rhein Berg e.V. in Kooperation mit der ICTA und dem BCG rufen zur Mahnwache am 02.-03.10.09 in Stolberg bei Aachen auf!
In Gedenken an die Tausende die nicht überleben konnten und die bis heute überlebt haben wollen am 02. Oktober friedlich mahnen und erinnern an:
- eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte!
- den Schmerz, und das Leid, was abertausende Familien Weltweit erleiden müssen und mussten
- die vor der Geburt, direkt nach der Geburt und später Verstorbenen …
- jene, die nicht für sich selbst sprechen können
- jene, die nur noch mit hoch dosierten Schmerzmittel am Leben teilhaben können
- jene, die inzwischen ihre Mobilität aufgrund der Folgeschäden eingebüßt haben
- die Ungerechtigkeit, die wir Weltweit erfahren (haben)
Wir fordern auch, dass endlich eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Deutschland aufgearbeitet, die Geschichte offen gelegt und schließlich endgültig eine adäquate Lösung mit uns herbeigeführt werden muss.
So offenbart bis heute die Familie Wirtz nicht….
- die Vertriebswege von Contergan,
- nennt nicht ehrlich die Länder, in welche sie exportiert hat!!! (Wir müssen daher selber nachweisen, dass es im jeweiligen Land der Wirkstoff Thalidomid verkauft wurde, um grundsätzlich als Contergangeschädigt anerkannt zu werden.) .
Ebenso fordern wir die Politik auf, in den Koalitionsvertrag aufzunehmen, dass die Regierung es auch als ihre Aufgabe versteht, die Aufklärung, Aufarbeitung der Katastrophe und eine endgültige würdevolle Lösung (gerechte Entschädigung) mit uns voranzutreiben.
WIR HABEN NUR DIESES EINE LEBEN und
WIR WOLLEN NICHT MEHR LÄNGER WARTEN!!
Kontakt:
Interessenverband Contergangeschädigter Menschen, Ihrer Angehörigen und Freunde Rhein-Berg e.V. c/o Claudia Schmidt-Herterich (1. Vorsitzende) Bensberger Str. 139 51503 Rösrath
Telefon 02205 – 83 541 Telefax 02205 – 83 586
BCG – Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V.c/o Herr Andreas Meyer (1. Vorsitzender) Dohmengasse 7 , 50829 Köln Email: bcg-brd-dachverband@gmx.de <mailto:helvetius@netcologne.de> Webseite: www.gruenenthal-opfer.de <http://www.gruenenthal-opfer.de>
Telefon : 0221 / 9505101 Fax: 0221 / 9505102 Mobil: 0172 / 2905974
Udo Herterich Kampagnen – Sprecher/in Deutschland Internationale Contergan / Thalidomid Allianz
Bensberger Str. 139 51503 Rösrath
Telefon 02205 – 83 541 Telefax 02205 – 83 586
nc-herterud4@netcologne.de http://ictacampaign.com/
Solidarisierungen der Politik:
Bündnis90/Die Grünen: Grußwort Markus Kurth
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